Montag, 4. Februar 2002


 

Ob Wellenbewegung oder Trend
ist für Leo Hehrig unklar.

 

 

 

BÜLACH / Leo Gehrig ist Schulpsychologe an der Kantonsschule Zürcher Unterland

Der Wunsch, sich mehr zu spüren, kann Auslöser sein

Der Schulpsychologe Leo Gehrig sieht sich zunehmend mit Selbstverletzungen bei Jugendlichen konfrontiert.

Interview: Oliver Demont

«Zürcher Unterländer»: Sie sind Schulpsychologe an zwei Kantonsschulen im Kanton Zürich. Ist selbst verletzendes Verhalten für einen Schulpsychologen überhaupt ein aktuelles Thema?

Leo Gehrig: Selbst verletzendes Verhalten ist aktuell. Ich sehe mich zunehmend seit ein bis zwei Jahren mit dem Phänomen der leichten bis mittelschweren Selbstverletzung bei Jugendlichen konfrontiert. Unklar ist, ob es eine Wellenbewegung oder ein anhaltender Trend ist, dafür fehlen konkrete Zahlen.

Wodurch bestätigt sich ihr Eindruck?

Meinen Eindruck erhalte ich bestätigt durch zahlreiche Rückmeldungen von Lehrpersonen, aber auch von den Jugendlichen selbst. Unter diesen sind heute praktisch alle informiert, dass dies praktiziert wird, und viele kennen jemanden, der dies tut.

Mit welchen Gegenständen und an welchen Körperteilen verletzen sich die Jugendlichen?

Mädchen und junge Frauen verwenden häufig Messer oder Glas. Sie ritzen oder schneiden sich an Unter und Oberarmen und am Oberschenkel. Bei den männlichen Jugendlichen sind es vermehrt Zigaretten, mit denen sie sich Brandwunden zufügen.
Die Handlung erzielt meist ein Gefühl der Ruhe, Entspanntheit und befreit innerlich.

Kann ein Alter genannt werden, in dem häufig selbst verletzendes Handeln in Erscheinung tritt?

Die meisten Betroffenen sind zwischen 16 und 30 Jahre alt und mehrheitlich Frauen. Doch vermehrt habe ich im Alltag auch den Eindruck, dass jüngere Mädchen im Alter von 13 oder 14 Jahren sich schneiden.

Für aussen Stehende ist Selbstverletzung meist nur schwer verständlich. Was sind mögliche Gründe dafür?

Auslöser können sein: Enttäuschung, innere Spannung, Langeweile und der Wunsch, sich mehr zu spüren. Allerdings muss man zwischen Schweregrad und Motiven unterscheiden. Bei leichteren Selbstverletzungen finde ich hinsichtlich der tieferen Ursachen häufig zwei Typen: emotional vernachlässigte Jugendliche, und so genannte «Sinnspender Kinder».

«Sinnspender Kinder»? Was ist unter diesem Begriff zu verstehen?

Das sind Kinder, die für den Lebenssinn der Eltern eine übermässige Bedeutung haben. Die «Sinnspender Kinder» sind gewissermassen für das Wohlergehen und den emotionalen Haushalt der Eltern zuständig. Solche Eltern haben einen breiten und erdrückenden Erwartungshorizont an ihre Kinder. Diese Belastung kann sich unter anderem in Selbstverletzungen äussern. Überhaupt habe ich manchmal das Gefühl, dass viele Eltern nicht wissen oder wissen wollen, was ihre Kinder im jugendlichen Alter beschäftigt und was sie so alles machen. Kommt dann selbst verletzendes Verhalten oder Ähnliches ans Tageslicht, verstehen die Eltern die Welt nicht mehr und sind entsetzt über das Vorgefallene.

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