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BÜLACH / Leo Gehrig ist Schulpsychologe an
der Kantonsschule Zürcher Unterland
Der Wunsch, sich mehr zu
spüren, kann Auslöser sein
Der Schulpsychologe Leo Gehrig sieht sich
zunehmend mit Selbstverletzungen bei Jugendlichen
konfrontiert.
Interview: Oliver Demont
«Zürcher Unterländer»: Sie
sind Schulpsychologe an zwei Kantonsschulen im
Kanton Zürich. Ist selbst verletzendes
Verhalten für einen Schulpsychologen
überhaupt ein aktuelles Thema?
Leo Gehrig: Selbst verletzendes Verhalten ist
aktuell. Ich sehe mich zunehmend seit ein bis zwei
Jahren mit dem Phänomen der leichten bis
mittelschweren Selbstverletzung bei Jugendlichen
konfrontiert. Unklar ist, ob es eine Wellenbewegung
oder ein anhaltender Trend ist, dafür fehlen
konkrete Zahlen.
Wodurch bestätigt sich ihr
Eindruck?
Meinen Eindruck erhalte ich bestätigt durch
zahlreiche Rückmeldungen von Lehrpersonen,
aber auch von den Jugendlichen selbst. Unter diesen
sind heute praktisch alle informiert, dass dies
praktiziert wird, und viele kennen jemanden, der
dies tut.
Mit welchen Gegenständen und an welchen
Körperteilen verletzen sich die Jugendlichen?
Mädchen und junge Frauen verwenden
häufig Messer oder Glas. Sie ritzen oder
schneiden sich an Unter und Oberarmen und am
Oberschenkel. Bei den männlichen Jugendlichen
sind es vermehrt Zigaretten, mit denen sie sich
Brandwunden zufügen.
Die Handlung erzielt meist ein Gefühl der
Ruhe, Entspanntheit und befreit innerlich.
Kann ein Alter genannt werden, in dem
häufig selbst verletzendes Handeln in
Erscheinung tritt?
Die meisten Betroffenen sind zwischen 16 und 30
Jahre alt und mehrheitlich Frauen. Doch vermehrt
habe ich im Alltag auch den Eindruck, dass
jüngere Mädchen im Alter von 13 oder 14
Jahren sich schneiden.
Für aussen Stehende ist Selbstverletzung
meist nur schwer verständlich. Was sind
mögliche Gründe dafür?
Auslöser können sein:
Enttäuschung, innere Spannung, Langeweile und
der Wunsch, sich mehr zu spüren. Allerdings
muss man zwischen Schweregrad und Motiven
unterscheiden. Bei leichteren Selbstverletzungen
finde ich hinsichtlich der tieferen Ursachen
häufig zwei Typen: emotional
vernachlässigte Jugendliche, und so genannte
«Sinnspender Kinder».
«Sinnspender Kinder»? Was ist unter
diesem Begriff zu verstehen?
Das sind Kinder, die für den Lebenssinn der
Eltern eine übermässige Bedeutung haben.
Die «Sinnspender Kinder» sind
gewissermassen für das Wohlergehen und den
emotionalen Haushalt der Eltern zuständig.
Solche Eltern haben einen breiten und
erdrückenden Erwartungshorizont an ihre
Kinder. Diese Belastung kann sich unter anderem in
Selbstverletzungen äussern. Überhaupt
habe ich manchmal das Gefühl, dass viele
Eltern nicht wissen oder wissen wollen, was ihre
Kinder im jugendlichen Alter beschäftigt und
was sie so alles machen. Kommt dann selbst
verletzendes Verhalten oder Ähnliches ans
Tageslicht, verstehen die Eltern die Welt nicht
mehr und sind entsetzt über das
Vorgefallene.
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