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Selbst verletzendes Verhalten ist eine
innere Verletztheit, die sich
äusserlich zeigt. Die Entfremdung des
eigenen Körpers ist eine Folge davon.
(Bild: Patrick Gutenberg)
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HINTERGRUND / Selbstverletzung, um den inneren
Schmerz zu übertünchen
Wenn der Messerschnitt Trost
spendet
Für aussen Stehende scheinen
Selbstverletzungen auf den ersten Blick
unverständlich - insbesondere bei
Jugendlichen. Von einer Art «Dampfkochtopf,
bei dem man das Ventil aufmacht», sprechen
Fachleute.
Oliver Demont
Noemi (Name geändert) ist 17 Jahre alt,
absolviert die Lehre in einem Reisebüro und
spielt in ihrer Freizeit Unihockey. Soweit alles
normal. Doch die Normalität trügt, alles
ist ihr zu viel. Sie verspürt eine tiefe
Traurigkeit. «Manchmal habe ich das
Gefühl, dass es mich innerlich
zerreisst», erzählt Noemi. Auf die Frage
nach dem Warum folgt eine längere Zeit der
Stille. «Das Schneiden bringt mir
Erleichterung und tut gut. Doch kurze Zeit
später folgt die Scham für das, was ich
getan habe.»
Innere Verletztheit
Fachleute sprechen von Automutilation: ein selbst
verletzendes Verhalten, durch das Betroffene
Erleichterung von ihren inneren Anspannungen
erzielen wollen. Psychologe Norbert Hänsli,
der ein Buch zum Thema Selbstverletzungen
geschrieben hat und bei der Jugendseelsorge in
Zürich arbeitet, sieht im selbst verletzenden
Verhalten eine «innere Verletztheit, die sich
äusserlich zeigt». Um sich von
überwältigender innerer Spannung und
Angst zu befreien und dem quälenden
Gefühl der Leere und Empfindungslosigkeit zu
entrinnen, fügen Jugendliche sich selbst
Verletzungen zu. «Sich selbst zu verletzen,
ist jedoch ein untaugliches Mittel, denn es schafft
nur scheinbare und kurzfristige Erleichterung, die
seelische Not bleibt weiterhin bestehen»,
meint er.
Häufig wird von aussen Stehenden das selbst
verletzende Verhalten als Wunsch, sich zu
töten, interpretiert. Jedoch genau das
Gegenteil trifft zu: «Auf keinen Fall will ich
mich umbringen; vielmehr versuche ich, mich wieder
lebendig zu fühlen!» erzählt Noemi
leicht aufgeregt. Die Handlung der Selbstverletzung
hilft, sich der eigenen Lebendigkeit zu
vergewissern.
Nachahmungseffekt
Im Oberstufenschulhaus Mettmenriet in Bülach,
das 400 Jugendliche besuchen, sieht man sich auch
mit Selbstverletzungen konfrontiert. «Wir
haben ab und zu Fälle von sich selbst
verletzenden Jugendlichen», meint Peter
Gerber, Lehrer und Leiter des Schulhauses. Die
Lehrerschaft ist über die Thematik
sensibilisiert und kennt die entsprechenden
Fachstellen. Was Gerber befürchtet, ist der
Nachahmungseffekt: «Wir thematisieren die
Problematik bewusst nicht in der Klasse, weil uns
die Gefahr der Nachahmung zu gross
erscheint.»
Die Gefahr einer Nachahmung bei einer
Thematisierung bestehe tatsächlich, meint auch
Hänsli. «Doch die derzeit laufende
gesellschaftliche Diskussion kann durchaus
aufklärend wirken und helfen, dass betroffene
Jugendliche ermutigt werden, aus der Isolation
herauszutreten und kompetente ärztliche und
psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu
nehmen.»
Differenzierte Betrachtung
Wichtig scheint ihm eine differenzierte Betrachtung
dieses Phänomens: «Hintergründe,
Motive, Art und Schweregrad der Verletzung sind
individuell und können stark
variieren.»
Meist gibt die genauere Betrachtung einer
Lebensgeschichte Aufschluss über mögliche
Ursachen. So konnte Hänsli vermehrt
feststellen, dass Betroffene in ihrer Kindheit
prägende und schmerzhafte Trennungserfahrungen
erlebten. Auch erlebten Betroffene in einem
höheren Mass physische Gewalt, sexuelle
Ausbeutung oder Alkoholismus in der Familie. Daraus
zu schliessen, dass nur Menschen mit solch
traumatischen Erlebnissen sich selbst verletzen,
wäre laut Hänsli jedoch zu einfach:
«Auch eine ständige subtile Entwertung
durch die soziale Umgebung kann zu selbst
verletzendem Verhalten führen.»
Häufig sind Betroffene verletzt und reagieren
stark auf Verlusterlebnisse. Sie reagieren
verletzlicher als andere. Betroffene können
oft ihre Gefühle schlecht wahrnehmen und
verbalisieren. Selbstverletzungen sind demnach ein
ins Fleisch geschnittener Hilfeschrei.
Doch auch gesellschaftliche Faktoren wollen
Fachleute mitunter verantwortlich für selbst
verletzendes Handeln machen. Die zunehmende
Zersplitterung und Individualisierung der
Gesellschaft und die vorherrschende
Gefühlskälte unterstützen die
Handlung der Selbstverletzung. «Gefühle
werden in unserer Gesellschaft immer weniger
artikuliert. So ist vertrauen und einfühlen
können ein Prozess, der Zeit braucht und sich
entwickeln muss. Doch in unserer schnellen und
lauten Zeit haben die feinen und
zeitaufwändigen Entwicklungen immer weniger
Raum», so Psychologe Hänsli.
Empfänglich für Notsignale
Jugendliche und junge Menschen, die sich selbst
Gewalt zufügen, tun dies meist in Einsamkeit
und im Stillen. Ihre Handlung muss trotzdem als
Hilferuf interpretiert werden, der häufig nur
sehr schwer wahrgenommen werden kann. Was also tun,
wenn man in seinem Umfeld eine Person kennt, die
sich selbst verletzt? Hänsli rät, dass
eine nahe stehende Person, die zur betroffenen eine
konfliktfreie Beziehung pflegt, sie behutsam
anspricht und ermutigt, Fachhilfe anzunehmen.
Noemi ist mittlerweile in einer Therapie. Deren
Ziel ist die Befreiung aus der Abhängigkeit.
Die Kräfte, die sie zerstörerisch gegen
sich selbst richtet, will sie konstruktiv nutzen.
Um das Gefühl des Sich-Verletzens für
aussen Stehende verständlich zu machen, macht
Noemi abschliessend einen Vergleich:
«Eigentlich ist das Bluten wie Brechen: sich
erleichtern, alles rauslassen. Jetzt bin ich auf
dem Weg, für das Erleichtern und Rauslassen
andere Formen zu finden.»
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