Montag, 4. Februar 2002


Interview mit Leo Gehrig
 

Selbst verletzendes Verhalten ist eine innere Verletztheit, die sich äusserlich zeigt. Die Entfremdung des eigenen Körpers ist eine Folge davon. (Bild: Patrick Gutenberg)

 

 

 

HINTERGRUND / Selbstverletzung, um den inneren Schmerz zu übertünchen

Wenn der Messerschnitt Trost spendet

Für aussen Stehende scheinen Selbstverletzungen auf den ersten Blick unverständlich - insbesondere bei Jugendlichen. Von einer Art «Dampfkochtopf, bei dem man das Ventil aufmacht», sprechen Fachleute.

Oliver Demont

Noemi (Name geändert) ist 17 Jahre alt, absolviert die Lehre in einem Reisebüro und spielt in ihrer Freizeit Unihockey. Soweit alles normal. Doch die Normalität trügt, alles ist ihr zu viel. Sie verspürt eine tiefe Traurigkeit. «Manchmal habe ich das Gefühl, dass es mich innerlich zerreisst», erzählt Noemi. Auf die Frage nach dem Warum folgt eine längere Zeit der Stille. «Das Schneiden bringt mir Erleichterung und tut gut. Doch kurze Zeit später folgt die Scham für das, was ich getan habe.»

Innere Verletztheit

Fachleute sprechen von Automutilation: ein selbst verletzendes Verhalten, durch das Betroffene Erleichterung von ihren inneren Anspannungen erzielen wollen. Psychologe Norbert Hänsli, der ein Buch zum Thema Selbstverletzungen geschrieben hat und bei der Jugendseelsorge in Zürich arbeitet, sieht im selbst verletzenden Verhalten eine «innere Verletztheit, die sich äusserlich zeigt». Um sich von überwältigender innerer Spannung und Angst zu befreien und dem quälenden Gefühl der Leere und Empfindungslosigkeit zu entrinnen, fügen Jugendliche sich selbst Verletzungen zu. «Sich selbst zu verletzen, ist jedoch ein untaugliches Mittel, denn es schafft nur scheinbare und kurzfristige Erleichterung, die seelische Not bleibt weiterhin bestehen», meint er.

Häufig wird von aussen Stehenden das selbst verletzende Verhalten als Wunsch, sich zu töten, interpretiert. Jedoch genau das Gegenteil trifft zu: «Auf keinen Fall will ich mich umbringen; vielmehr versuche ich, mich wieder lebendig zu fühlen!» erzählt Noemi leicht aufgeregt. Die Handlung der Selbstverletzung hilft, sich der eigenen Lebendigkeit zu vergewissern.

Nachahmungseffekt

Im Oberstufenschulhaus Mettmenriet in Bülach, das 400 Jugendliche besuchen, sieht man sich auch mit Selbstverletzungen konfrontiert. «Wir haben ab und zu Fälle von sich selbst verletzenden Jugendlichen», meint Peter Gerber, Lehrer und Leiter des Schulhauses. Die Lehrerschaft ist über die Thematik sensibilisiert und kennt die entsprechenden Fachstellen. Was Gerber befürchtet, ist der Nachahmungseffekt: «Wir thematisieren die Problematik bewusst nicht in der Klasse, weil uns die Gefahr der Nachahmung zu gross erscheint.»

Die Gefahr einer Nachahmung bei einer Thematisierung bestehe tatsächlich, meint auch Hänsli. «Doch die derzeit laufende gesellschaftliche Diskussion kann durchaus aufklärend wirken und helfen, dass betroffene Jugendliche ermutigt werden, aus der Isolation herauszutreten und kompetente ärztliche und psychotherapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.»

Differenzierte Betrachtung

Wichtig scheint ihm eine differenzierte Betrachtung dieses Phänomens: «Hintergründe, Motive, Art und Schweregrad der Verletzung sind individuell und können stark variieren.»

Meist gibt die genauere Betrachtung einer Lebensgeschichte Aufschluss über mögliche Ursachen. So konnte Hänsli vermehrt feststellen, dass Betroffene in ihrer Kindheit prägende und schmerzhafte Trennungserfahrungen erlebten. Auch erlebten Betroffene in einem höheren Mass physische Gewalt, sexuelle Ausbeutung oder Alkoholismus in der Familie. Daraus zu schliessen, dass nur Menschen mit solch traumatischen Erlebnissen sich selbst verletzen, wäre laut Hänsli jedoch zu einfach: «Auch eine ständige subtile Entwertung durch die soziale Umgebung kann zu selbst verletzendem Verhalten führen.» Häufig sind Betroffene verletzt und reagieren stark auf Verlusterlebnisse. Sie reagieren verletzlicher als andere. Betroffene können oft ihre Gefühle schlecht wahrnehmen und verbalisieren. Selbstverletzungen sind demnach ein ins Fleisch geschnittener Hilfeschrei.

Doch auch gesellschaftliche Faktoren wollen Fachleute mitunter verantwortlich für selbst verletzendes Handeln machen. Die zunehmende Zersplitterung und Individualisierung der Gesellschaft und die vorherrschende Gefühlskälte unterstützen die Handlung der Selbstverletzung. «Gefühle werden in unserer Gesellschaft immer weniger artikuliert. So ist vertrauen und einfühlen können ein Prozess, der Zeit braucht und sich entwickeln muss. Doch in unserer schnellen und lauten Zeit haben die feinen und zeitaufwändigen Entwicklungen immer weniger Raum», so Psychologe Hänsli.

Empfänglich für Notsignale

Jugendliche und junge Menschen, die sich selbst Gewalt zufügen, tun dies meist in Einsamkeit und im Stillen. Ihre Handlung muss trotzdem als Hilferuf interpretiert werden, der häufig nur sehr schwer wahrgenommen werden kann. Was also tun, wenn man in seinem Umfeld eine Person kennt, die sich selbst verletzt? Hänsli rät, dass eine nahe stehende Person, die zur betroffenen eine konfliktfreie Beziehung pflegt, sie behutsam anspricht und ermutigt, Fachhilfe anzunehmen.

Noemi ist mittlerweile in einer Therapie. Deren Ziel ist die Befreiung aus der Abhängigkeit. Die Kräfte, die sie zerstörerisch gegen sich selbst richtet, will sie konstruktiv nutzen. Um das Gefühl des Sich-Verletzens für aussen Stehende verständlich zu machen, macht Noemi abschliessend einen Vergleich: «Eigentlich ist das Bluten wie Brechen: sich erleichtern, alles rauslassen. Jetzt bin ich auf dem Weg, für das Erleichtern und Rauslassen andere Formen zu finden.»

 


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