Die Konstellation einiger idealer Voraussetzungen für eine Erneuerung der Industrie verhalf England zum Titel :" Das Mutterland der industriellen Revolution".
Als die Umwandlung von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft Anfangs des 18.Jahrhunderts ihren Anfang nahm, wurde die Handarbeit nach und nach von der Maschinenarbeit abgelöst. Die industrielle Revolution war gekennzeichnet durch eine schnelle Veränderung in Produktionstechnik, Wirtschaft und Gesellschaft. Obwohl in England durch diesen Prozess anfänglich die Lebens- und Arbeitsbedingungen im Volk verschlechtert wurden, erhöhte er unter Anderem das Bruttosozialprodukt und das pro Kopfeinkommen, auch wurde die Massenarmut damit beseitigt.

Doch nun zu den Voraussetzungen.
Die englische Revolution hatte zur Folge, dass Landlords und reiche Kaufleute den Ton im Parlament angaben, was die englische Bevölkerung durchlässiger machte. Es herrschte kein absolutistisches Denken, wie z.B. in Frankreich oder Spanien, weil das Parlament die Macht des Königs beschränkte. D.h., dass besitzende Bürger die gleichen Rechte hatten wie der besitzende Adel. Alle mussten dieselbe Grundsteuer bezahlen. Somit wurden die gesellschaftlichen Schranken durchbrochen, die Schichten waren nicht mehr klar getrennt. Dank dem Parlament entstanden keine hinderlichen Schranken für den handwerklichen Markt. Auch galt es nicht als unwürdig, ein Handwerk als Adeliger auszuüben. Jeder, der arbeiten wollte, konnte dies tun, musst jedoch im Konkurrenzkampf bestehen.
Mitte des 17. Jahrhunderts bestand das Hauptinteresse der Engländer darin, die Weltmeere, und somit den Fernhandel zu beherrschen. Um dies möglich zu machen, musste die Handels- und Kriegsflotte ausgebaut werden. Es entstanden deshalb grosse Werften und Lagerhäuser, welche den Schiffsbau ermöglichten. Nach dem siebenjährigen Krieg war England endgültig zur führenden Weltmacht aufgestiegen. Dadurch entwickelte sich der Aussenhandel stark, Gold und Silber, Gewürze, Tabak, Seide, etc. wurden importiert, Wolltuche, Eisenwaren, und andere Fertigprodukte wurden exportiert. Die Kolonien dienten als optimaler Umschlagsplatz.
Das grosse Geschäft war jedoch die Baumwolle, welche billig aus Indien und auch zunehmend aus den Kolonien in Südamerika importiert, günstig verarbeitet und mit grossem Gewinn wieder exportiert wurde.
Durch den Handel mit Luxusgütern für Patrizier und Adlige, wurden grosse Handelshäuser und –gesellschaften expansioniert. Bald wurde das Geschäft mit dem Geld und den Cheques eingeführt. Das Ziel war, mit An- und Verkauf möglichst viel Gewinn zu machen.
Durch den Handel blühten metallverarbeitende Betriebe und die Textilindustrie auf, London wurde die Hauptstadt des Welthandels.
Zur selben Zeit fand ein Konzentrationsprozess in der Landwirtschaft statt, d. h., dass viele kleine Bauer ihr Land an grössere Besitzer verkaufen mussten, da ihr Betrieb nicht rentabel war. Somit vergrösserten sich die andern Betriebe und wurden leistungsfähiger. Die Produktion wurde gesteigert. Einige Bauern hatten die Möglichkeit, in einem Grossbetrieb weiter zu arbeiten. Die Meisten jedoch wurden zu einfachen Landarbeitern und mussten am Existenzminimum leben. Da auf dem Land die Bedingungen so schlecht waren, wanderten die Menschen in die Städte, wo sie hofften, bessere Arbeit zu finden.
Gleichzeitig nahm die Bevölkerung drastisch zu. Die Gründe dafür waren die Verbesserung der Medizin, Schutzimpfungen gegen ansteckende Krankheiten, eine bessere Hygiene – dadurch gab es weniger Epidemien- und auch die Säuglingssterblichkeit ging zurück. Die Nachfrage nach Textilien, Kohle für den Hausbrand, Lebensmitteln, etc. wurde gesteigert, es musste mehr und schneller produziert werden.
Weitere Voraussetzungen waren die fortschrittliche Geldwirtschaft und das hohe Investitionskapital. Ausserdem vermittelte die calvinistische Lehre Sparsamkeit und Profitdenken, Unternehmerinitiative und Konkurrenzverhalten. Ebenfalls half ihnen ihre Innovation im technischen Bereich, das Bildungsinteresse und die mechanische Begabung. Zentral war auch die Idee der Engländer, Rohstoffe nutzbar zu machen und neue Energiequellen (Kohle, Erdöl, Elektrizität etc..) zu produzieren. Weiter standen ihnen gut ausgebaute Handelsstrassen und Kanäle, sowie gute Transportmöglichkeiten zur Verfügung. England genoss eine hohe Mobilität.
So waren die idealen Voraussetzungen für eine Erneuerung der Industrie geschaffen.
Die industrielle Revolution in England begann Mitte des 18. Jahrhunderts. Die erste Phase war geprägt durch die Baumwolle, da mit ihr der steigende Bedarf nach Textilien leichter und billiger als mit Wolle befriedigt werden konnte. Die herkömmlichen Verarbeitungstechniken reichten nicht mehr aus, um der hohen Nachfrage zu genügen. So entstanden die ersten Maschinen zur Verarbeitung von Baumwollprodukten.
Die Maschinen konnten jedoch erst mit der Erfindung der Dampfmaschine von James Watt effizient genutzt werden.

Dampfmaschine (1769) von James Watt

Durch die Dampfkraft konnten die Maschinen angetrieben werden, alles ging einfacher und schneller. Die Handarbeit wurde von der Maschinenarbeit abgelöst, was auch den ersten Schritt zur Arbeit in Fabriken darstellte. Erfindungen, wie die der Dampfmaschine, neuer Web- und Spinnmaschinen, sowie neuer Verfahren zur Eisen- und Stahlgewinnung, gestalteten die Güterproduktion vollkommen um. Sie wurde in grosse Fabriken verlegt. Mit den Fabriken kamen auch neue Verkehrsanlagen, Wohngebäude für die Arbeiter, etc. Das Volk fand Arbeit gegen Lohn in der Stadt, im Baugewerbe, Textilfabriken, Bergwerken, Eisenhütten und Maschinenfabriken.
Für die Einrichtung von Fabriken war viel Geld, Kapital, notwendig, über das nur wenige, die Unternehmer, verfügten. Erzielte Gewinne wurden von den Unternehmern sofort wieder für eine weitere Modernisierung investiert.
Ein wichtiger Gesichtspunkt der industriellen Revolution war das Transportwesen. Die Idee, die gelieferte Energie der Dampfmaschine als Antriebsenergie zu verwenden, wurde erstmals erfolgreich von Stevenson in Form der Lokomotive umgesetzt... Ursprünglich war diese bloss für den Transport der Kohlenwagen gedacht, doch schnell wurden die enormen Möglichkeiten des neuen Transportmittels erkannt. So wurden Schienen produziert, ein Streckennetz wurde ausgebaut und schon bald wurde die Lokomotive für den Personentransport genutzt.

erste Lokomotiven im Jahre 1814
Die Transportkosten für Massengüter konnten enorm gesenkt werden, ausserdem stieg die Nachfrage nach hochwertigem Eisen. Die Hüttenindustrie und der Bergbau blühten deswegen und aufgrund der neuen Verarbeitungsmethode durch Koks auf.
Immer schneller entstanden nun neue Erfindungen und die damit verbundenen Industrien.
Die Stadt zog die Menschen förmlich an. Doch mit dieser Wandlung kamen auch die ersten ernsthaften Probleme...
In Folge der Industriellen Revolution veränderten sich die Familienstrukturen, an Stelle der vorindustriellen, vielköpfigen Familie traten nun zahlenmässig begrenzte Familieneinheiten. Der Grund für dieses Verhalten ist die Landflucht, d.h. die Verlegung des Wohnsitzes vom Eigenheim auf dem Land in eine Mietwohnung oder Mietkaserne in der Stadt. Die industrielle Revolution bringt demzufolge eine Veränderung der Besitzstrukturen mit sich. Auch die Absatzstrukturen änderten sich, vom regional/national bezogenem Markt zum Weltmarkt. Dies deutete schon auf eine Globalisierung hin, wie wir sie heute kennen. Zuletzt änderte sich das Konsumverhalten der Gesellschaft in der industriellen Revolution, nicht mehr die Selbstversorgung stand an der Tagesordnung, sondern der Konsum. Man konnte hier auch von den Anfängen einer Konsumgesellschaft reden.
Die Unternehmen konzentrierten sich in den Städten. Dorthin wanderte die ländliche Bevölkerung ab, die von der Landwirtschaft nicht mehr leben konnte. Sie bildete eine "industrielle Reservearmee" von Arbeitskräften, die auch durch das schnelle Bevölkerungswachstum vergrössert wurde. Es entstanden grosse Klassenunterschiede zwischen den besitzlosen Arbeitern und den Besitzern der Fabriken und Maschinen. Dies führte dazu, dass den Arbeitern Hungerlöhne bezahlt wurden und die Arbeitszeiten meist länger als 15 Stunden dauerten. Oft mussten mehrere Mitglieder einer Familie arbeiten, um die blosse Existenz sichern; die dadurch in grosser Zahl auf den Arbeitsmarkt drängenden Frauen und Kindern erlaubten es den Arbeitgebern, das Lohnniveau noch weiter zu drücken. Auf Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter wurde nur wenig Rücksicht genommen. Folge dieser Arbeitsbedingungen und –verhältnissen waren Verarmung, katastrophale Wohnverhältnisse ( teilweise nur ein Zimmer pro Familie), physische und psychische Schäden, sinkende Lebenserwartung sowie eklatanter Bildungsmangel.
Erste Massnahmen staatlicherseits zur Abstellung dieser Missstände wurden Anfang des 19. Jahrhunderts mit den Fabrikgesetzen ergriffen. Daneben entstanden diverse kirchliche und weltliche Organisationen, die es sich zur Aufgabe machten, die Arbeiterschaft zu unterstützen.
Es traten aber noch andere Probleme auf:
Durch Ignorierung des Umweltschutzes, sank der Lebensstandard in der Stadt, und die Natur wurde in den Industriegebieten nahezu verdrängt. Erst Anfangs des 20. Jahrhunderts entstand ein Umweltbewusstsein.
Doch die industrielle Revolution brachte nicht nur negative Auswirkungen mit sich. Der Industriewandel verbreitete sich weltweit. Die Massenarmut konnte grösstenteils damit behoben werden.
Insgesamt leitete die industrielle Revolution eine Veränderung der menschlichen Lebensgewohnheiten und Lebensformen ein. Mehr und mehr wurde das Leben den neuen Arbeitsbedingungen angepasst, welche eine bisher unbekannte zeitliche Disziplinierung mit sich brachten. Die Anforderungen der industriellen Arbeitswelt bestimmten den Lebensrhytmus der Menschen.
Annina Glauser und Sofie Waldis