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NZZ VERMISCHTE MELDUNGEN Donnerstag, 09.12.1999 Nr. 287  64

 

Auf der Unesco-Liste des Welterbes

 

 

Das römische Theater in der arabischen Festung

Die alte Stadt Bosra im syrischen Hauran

G. G. Als Siedlungsplatz in der südsyrischen Vulkanlandschaft, dem Hauran, ist Bosra wenigstens sechstausend Jahre alt. Aber Stadt wurde es erst unter nabatäischer Herrschaft, kurz vor der Zeitenwende, als Aussenposten des Karawanenstaats. Schon bald lief es der Mutter, Petra, den Rang ab; Bossora (sein damaliger Name) hatte ganz einfach die besseren Karten: viele, ganzjährig schüttende Quellen sicherten seine Wasserversorgung; die fruchtbaren, dem Getreideanbau günstigen basaltischen Verwitterungsböden des Umlands füllten die «Kornkammer Syriens». In Bosra kreuzten sich vielbegangene Handelsrouten zwischen Persischem Golf und Rotem Meer einerseits und Mittelmeer andererseits. Den sogenannten Königsweg, der das heutige Akaba mit Bosra verband, kennt schon die Bibel.

Bei so vielen Vorzügen war die Begehrlichkeit Roms programmiert. Kaiser Trajan annektierte das Nabatäerreich und machte Bosra - jetzt Nova Traiana Bostra - im Jahr 106 zur Hauptstadt der neugeschaffenen Provinz Arabia. Den «Königsweg» liess er zum limes arabicus ausbauen, Bosra wurde Standquartier einer römischen Legion. Die neuen Herren gaben Bosra das Aussehen einer typischen römischen Provinzstadt. Prachttore, Säulenhallen, Heiligtümer, Bäder, Brunnen; und natürlich, das Pünktchen auf dem i für jede römische Stadt, ein Theater. Und zwar eines, das punkto Schönheit und Grösse am östlichen Rand des Mittelmeeres seinesgleichen suchte: auf im Halbrund steil ansteigenden Rängen sassen 15 000 Zuschauer; Bühnenhaus und Zuschauerraum schwelgten im Säulen- und Pilasterschmuck. Auch sonst geizte Rom nicht mit Gunst; Kaiser Philipp «der Araber» (244-249), ein gebürtiger Hauraner, erhob Bosra in den Rang einer «Metropolis». In frühchristlicher Zeit entwickelte es sich zum Stützpunkt bei der Christianisierung der Nomadenstämme, als Missionszentrum war es der Sitz eines Bischofs, zuletzt sogar eines Metropoliten.

Die arabische Eroberung (634) verschaffte Bosra, das vor allen anderen syrischen Städten islamisch geworden war, eine neue Rolle als Etappenort für Mekkapilger. Nach nur dreitägigem Treck legten die Hadj-Pilger aus Damaskus in Bosra einen Halt von bis zu zehn Tagen ein. Ein nestorianischer Mönch hatte dem jungen Mohammed, der als Begleiter seines Onkels mit einer Karawane nach Bosra gekommen war, seine Sendung geweissagt. So eine alte Legende. Die Bosraner gingen freilich auf Nummer sicher und staffierten ihre Stadt mit weiteren, dem Pilgertourismus förderlichen Memorabilien aus. Etwa die Delle im Fussboden einer Moschee, das erzählen die Einwohner noch heutigen Besuchern - sie hinterliess beim Niederknien das Kamel, das die erste Koranabschrift nach Damaskus trug. Alle frommen Legenden und Erfindungen halfen freilich wenig, als im 17. Jahrhundert Wegelagerer die Pilgerstrasse zu verunsichern begannen. Die Mekkapilger wählten eine weniger gefährliche Route weiter im Westen, die Stadt verkümmerte zum heutigen Bosra - einem malerischen Dorf inmitten eines Trümmerfeldes.

Man könnte die Geschichte der Stadt als einen Film sehen, der Überblendungen harten Schnitten vorzieht. Machtpolitische Zäsuren bedeuteten nicht auch gleich Tabula rasa. Vielmehr ist Bosra ein Musterbeispiel für Recycling. Für Wiederaufbereitung und Wiederverwendung der Bausubstanz, namentlich der basaltischen Hausteine, aber auch für stadtplanerische Wiederverwertung. Im urbanistischen Grundmuster und vor allem in der Strassenführung hielt sich die römische Stadt an nabatäische Vorgaben. An der Stelle eines nabatäischen Tempels stand später die christliche Kathedrale - ein Zentralbau mit Kuppel über quadratischem Grundriss, möglicherweise das Vorbild für die Hagia Sophia in Konstantinopel. Und omayyadische Baumeister bauten eine römische Therme zu einer Grossbäckerei um. Das Theater übernahmen die Omayyaden allerdings zum Gebrauch als Festung; zu diesem Behuf verbarrikadierten sie die Zugänge. Die Umnutzung bewahrte das Theater vor dem Schicksal, als Steinbruch zu enden. Später verstärkten fatimidische Herrscher seine Nordostecke mit Türmen. Als aber im 12. Jahrhundert Kreuzritter zweimal bis nach Bosra vorgestossen waren, hielten es die ayyubischen Sultane für ratsam, das Theater massiv mit Graben, monumentalen Bastionen, Wehrgängen und Kasematten zu einer uneinnehmbaren Zitadelle aufzurüsten; den Zuschauerraum liessen sie mit Erde zuschütten. Nach 1947 räumte die syrische Antikenverwaltung die Füllung aus Schutt und Erde weg, das Theater in der Festung erglänzte wie die Perle in der Muschel. Ihretwegen, hauptsächlich ihretwegen, zog die alte Stadt Bosra 1980 in das Pantheon des Welterbes ein.

Bosra - Theater
Überblick

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Cavea und Scaena

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Vor der Scaena

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Cavea
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